Matthias Schurade
Schachgeschichten
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© 2010 Matthias Schurade
 

1856: Ein Traum des Karl August Varnhagen von Ense, HH

Berlin, den 7. Dezember 1856. Der kurze Schlaf durch Träume gestört von Bettina und ihrem Bruder Clemens, dessen Gedichte mit denen Arnims in einer Art Schachspiel sich gegenseitig vernichteten.

(Quelle: Träume – Heimat der Seele, Hg. Jost Perfahl, Langen Müller, München 1990, S. 59, zitiert aus den Tagebüchern Varnhagens, die Ludmilla Assing herausgab)

Gemeint sind die Romantiker Achim von Armim, dessen Ehefrau Bettina, und sein Freund Clemens Brentano. Als Varnhagen seinen Traum hatte, lebte von den dreien nur noch die Bettine. Von ihr stammt „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, eine raffinierte Mystifikation ihrer ambivalenten Beziehung zum alternden Goethe. Bettine bezeichnete einmal die Gattin des Dichterfürsten als „rasende Blutwurst“. Danach hatten die Arnims Hausverbot am Frauenplan.

2. Jahrhundert: Der Kiebitz im Kamel, HH

In dem Traumdeuterbuch des Artemidor von Daldis findet sich:

Weniges wird durch vieles prophezeit: Es träumte z. B. einer, Charon (der Fährmann ins Reich der Toten) spiele mit einem Mann ein Brettspiel, er selbst aber kiebitze zugunsten des Mannes, wodurch der Verlierer Charon zornig wurde und ihn verfolgte. Er aber drehe sich um und nehme Reißaus, komme schließlich zu einer Herberge mit dem Namen „Zum Kamel“, flüchte in ein Zimmer und verriegele die Tür.

(Quelle: Artemidor, Traumkunst, Reclam, Leipzig 1991, S. 29)

Der Kummer mit den Kiebitzen, die einfach den Mund nicht halten können, ist so alt wie die Menschheit. Sicherlich konnte es schon der Neandertaler, der beim Großfigurenschach aus Mammutelfenbein zusah, nicht lassen. Für die ganze Horde hörbar zischte er seinem Jagdgenossen zu: Säbelzahntiger g4 schlägt Wollnashorn f6 mit Schach, und Höhlenbär e8 ist undeckbar matt!

1777, Der Schachtürke schlägt zu, HH

Zu Wien erregt die Maschine oder der Schachspieler des Herrn von Kempele, Königl. Raths bey der Cammer zu Pressburg, Jedermanns Bewunderung, sie erreicht alles wozu der menschliche Geist gelangen konnte. Sein Schachspieler, die größte Erfindung unsers Jahrhunderts in der Meßkunst, ist bekannt. Er erschien damit im Jahr 1768. Sie besteht aus einem Tische, woran eine menschliche Figur sitzt, welche mit jedem, der Lust hat, im Schachbrette spielt, das auf dem Tische steht. Man hat noch kein Beyspiel, daß die Figur eine Parthie verloren hätte. Sie hat auch die berühmtesten Schachspieler zur Verzweifelung gebracht. Die Figur, welche von Menschenhöhe ist, scheinet nachdenkend, mit den rechten Arm auf den Tisch gelehnt, zu sitzen. Sie läßt den Spieler so lang nachsinnen, als er will. Sobald er gezogen hat, erhebt sie ihren linken Arm und ergreift einen ihrer Steine: ist sie im Fall zu schlagen, so berührt sie den Stein des Gegners, welchen es trift, zum Zeichen, daß man ihn wegthun solle. Thut der Mitspieler einen Zug, der wider die Regel des Schachspiels ist, so nickt sie mit dem Kopfe, und ruht nicht, bis der Fehler verbessert, und die Ordnung des Spiels hergestellt ist. Diese Maschine wirkt gänzlich durch sich selbst. Sie erhält nicht den mindesten äussern Einfluß. Niemand steckt darinn verborgen.

Vossische Zeitung. Berlin 1777. Nr. 124

(Quelle: Buchner, Das Neueste von gestern, München 1912, Bd. 3, S. 281 f.)

Viele Potentaten der Zeit sollen gegen den Schachtürken angetreten sein. Dazu nächstens mehr.


18. Jahrhundert. Der Türke und die Potentaten, HH

Wie zu erwarten, erregte die Maschine das größte Aufsehen, und K.[empelen] konnte sich der vielen Besucher nur dadurch erwehren, daß er bekannt machte, er habe dieselbe zerstört. Nach einigen Jahren führte er sie jedoch in Wien Kaiser Joseph und dem Großfürsten Paul von Rußland vor und unternahm, überall Sensation erregend, Reisen nach Paris und London. In Berlin spielte der Türke auch mit Friedrich dem Großen und besiegte den König. Friedrich bot K.[empelen] eine große Geldsumme für die Offenbarung des Geheimnisses an und war, nachdem dies geschehen, außerordentlich enttäuscht. Seitdem stand der Türke unbeachtet im stillen Winkel eines Potsdamer Schlosses, bis sich Napoleon I. bei seiner dortigen Anwesenheit desselben erinnerte und eine Partie mit ihm spielte, die mit einer Niederlage des bisher unbesiegten Imperators endete.

(Quelle: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 53, S. 766, Artikel Kempelen, Verf. W. Paul Aurich)

 

Der Ankauf des Schachtürken in Potsdam ist nur eine Legende, die aber einigen Bestand hatte. Die Partie Napoleons findet sich in den Datenbanken, doch sie wurde in Schloss Schönbrunn zu Wien gespielt.

 

So gelangte der Schachautomat der Legende nach auch zu Kaiser (sic!) Friedrich nach Preußen und zu Zarin Katharina nach Russland.

(Quelle: Wolfgang von Kempelen. Mensch in der Maschine, Matthes & Seitz, Berlin 2007, Anmerkung auf S. 27)

21.11.1759, Über Friedrich den Großen, HH

Kein Mensch kennt die aktuelle Wertzahl unseres Landesvaters, und zu Zeiten Friedrichs des Großen gab es solche Zahlenspielereien noch nicht. Aber die Klötzchen konnte Fridericus wohl schieben. Dafür spricht ein Tagebucheintrag seines Vorlesers Henri de Catt aus dem Siebenjährigen Krieg. Friedrich, der mit seinen Truppen gegen den österreichischen Feldmarschall Daun lavierte, sagte zu Catt:

Ein Mann, der nur Schritt für Schritt vorwärtsgeht und niemals etwas wagt, wird, glaube ich, nie nennenswerte Erfolge haben; im Kriege geht es nicht zu wie im Schachspiel: Dabei kann man sich Zeit lassen, dort aber nicht. Wenn ich mein Spiel nicht beende, kann ich es wohl bis morgen zurückstellen, wenn ich aber meinen Feldzug nicht beende, wer weiß, ob es mir im nächsten Jahr gelingt? Der Feind kann seine Partie ändern.

Damals gab es noch kein Schnellschach.

(Quelle: de Catt, Tagebücher, Limes-Verlag Wiesbaden 1954, S. 156)

1796, Napoleon in Italien, HH

Augenzeugen sagen, daß Buonaparte umd Massena Meister im Schachspiel sind, und oft darin, bei dem ersten Feldzug in Italien, Erhohlung, vielleicht neue Plane schöpften.

Ein Spiel, worin man sich dazu vorbereiten, lernen, sich angewöhnen kann, was über die Schicksale von Nazionen entscheidet, ist wohl der Mühe werth, studiert zu werden.

(Quelle: Wilhelm Heinse, Sämmtliche Werke, Insel 1903, Band 6, Anastasia und das Schachspiel, S. 172)

14. Jahrhundert, Bevölkerungsexplosion im Himmel, HH

Wie Homer nicht vermag, die griechischen Krieger vollständig aufzuzählen, so wenig gelingt es Dante, sämtliche Engel des Himmels zu nennen, nicht, weil er ihre Namen nicht kennt, sondern weil ihm ihre Zahl ungekannt ist. Und so finden wir im XXIX. Gesang des Paradieses ein weiteres Bespiel für den Topos des Unsagbaren, weil die Zahl der Engel die Möglichkeiten des menschlichen Geistes übersteigt. Angesichts des Unsagbaren greift Dante jedoch nicht auf die Aufzählung zurück, vielmehr versucht er der Verzückung darüber Ausdruck zu geben. Und wenn er, immer noch im Zusammenhang mit der Zahl der Engel, von der Faszination, dem Schwindel der geometrischen Progression erfasst wird, nimmt er auf die Legende Bezug, wonach der Erfinder des Schachspiels vom König von Persien folgende Belohnung für seine Erfindung erbat: ein Weizenkorn für das erste Feld, zwei für das zweite, vier für das dritte und so weiter bis zum vierundsechzigsten Feld, wobei zuletzt eine astronomisch hohe Zahl an Weizenkörnern herauskam: „ … die Zahl nach Tausenden das Doppelspiel des Schachbretts übersteigt“ (Paradies, XXVIII, 92f.)

(Quelle: Umberto Eco, Die unendliche Liste, Hanser 2009, S. 50)

Weil hier etwas verworren zuerst vom 29., danach aber vom 28. Gesang des Paradieses die Rede ist, wollen wir die kritische Stelle in einer guten Übersetzung zitieren. (Im 29. Gesang konnte ich keine Anspielungen auf das Schachspiel entdecken.)

Übrigens ist Dantes „Paradies“, in dem im Gegensatz zur „Hölle“ nichts los ist, ein ebenso selten gelesenes Werk wie etwa Klopstocks „Messias“ oder Miltons „Verlorenes Paradies“.

Karl Witte übersetzt:

Und wie der ganze Brand tat jeder Funke,
und deren Zahl vertausendfachte sich
mehr als die Doppelung der Schachbrettfelder.

Paradies, Achtundzwanzigster Gesang, 91-93

(Quelle: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Reclam Leipzig 1970, S. 376)

Die alten Zocker, HH

Bild: Achill und Aias beim Brettspiel

Amphora des Malers Exekias aus Athen. Um 530 v. u. Z. Gefunden in Vulci. Rom, Vatikan.

Um 500 v. Chr., Ephesos

Die Zeit ist ein spielendes, Brettsteine setzendes Kind; ein Kind ist König.

Heraklit

(Quelle: Nestle, Vorsokratiker, S. 110)

Ende 5. Jahrhundert v. Chr., Athen

Man kann das Leben nicht wiederholen wie einen Zug beim Brettspiel.

Antiphon der Sophist

(Quelle: Nestle, Vorsokratiker, S. 213)

Dazu findet sich unter dem Stichwort „Brettspiele“ im Lexikon der Alten Welt  von Artemis unter anderem das schöne Spiel „Polis“.

Πόλις: auf 60 (?) Feldern mußten die gegnerischen Steine geschlagen oder blockiert, die eigenen möglichst schnell plaziert werden. Diesem verwandt war der als einziges Spiel ohne Würfel gespielte Ludus latrunculorum (etwa „Dame“).